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Schubladendenken

Pfarrer Joachim Fritz über das Verstauen von Meinungen in die Schubladen Objektiv und Subjektiv.

Im zweiten Schulhalbjahr 26/26 hat der für mich spannendsten Kurs im Religionsunterricht begonnen. Um „Deutungen der Wirklichkeit und die Bibel“ geht es in Jahrgangsstufe elf. Der Kurs stellt unter anderem die Frage nach der Wahrheit. Zur Sprache kommen die verallgemeinerbaren, etwa die aus Naturwissenschaft und Logik. Die nennen wir objektiv. Daneben gibt es die persönlichen also subjektiven Wahrheiten, wie die Vorlieben in der Musik oder der Mode. Die objektiven kann man mit Messeinrichtungen überprüfen oder in Klausuren bewerten. Die subjektiven nicht.
Religiöse Überzeugungen, so sollen die Jugendlichen lernen, gehören zu den subjektiven Wahrheiten. Das heißt nicht, dass sie weniger bedeutsam wären, ganz im Gegenteil. Wer je argen Zorn oder schlimmen Liebeskummer erlebt hat, weiß das. Richtig schwierig kann es werden, wenn ein Mensch seine religiösen Auffassungen sozusagen in die falsche Schublade legt. Wenn er seine persönlichen Glaubensansichten für objektiv richtig hält und sie allen anderen aufbürden will. In der Musik mag so etwas noch glimpflich ausgehen. Wird die Religion jedoch aus der falschen Schublade geholt, kann viel Schaden entstehen. Ausgrenzung, Feindschaft, Fundamentalismus oder Schlimmeres.
Auch die Texte der Bibel berichten von persönlich erlebter Wahrheit. Menschen erzählen darin ihre Geschichten mit Gott und der Welt. Sie sprechen, zum Beispiel in den Psalmen, von Zweifel und Ohnmacht, von Trost und Hoffnung. Jesus lädt ein, eine vertrauensvolle Beziehung zu Gott ins eigene Leben zu verweben. Die Geschichten der Bibel gewinnen Bedeutung, weil sie oft genug – Gott sei Dank – auch unsere eigenen aufleuchten lassen. Wahrheit und Bibel haben für mich miteinander zu tun. Freilich nicht so, als wäre ihr Inhalt wie ein Gesetzestext vor Gericht. Die Wahrheit der Bibel zeigt sich vielmehr, wenn sie einen Menschen leitet zu einem erfüllten und bereicherten Leben mit Gott und den Mitmenschen.
Nun müssen die meisten von uns nicht mehr die Schulbank drücken. Aber ein kritischer Blick in die eigenen Schubladen lohnt allemal. Man lernt ja niemals aus.

Joachim Fritz ist Pfarrer im Schuldienst und in der Evangelischen Gesamtkirchengemeinde um den Wilhelmsturm

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